Ich sehe es erst heute zum ersten Mal klar. Etwas, das ich nie verstand. Heute kann ich es sehen – in einem Bild.
Da steht ein Mädchen, eingehüllt in Schnüre. Sie zieht nach vorn. Sie will sich bewegen, leben. Aber diese Fäden ziehen aus der Vergangenheit. Sie ziehen wie Kaugummi an ihr, wie dicker Kautschuk. Er ist schon spröde und an einigen Stellen angerissen, aber er hält. Er hält sie ab und zurück.
Das Mädchen bin ich. Als ich ein Mädchen war, erhoffte meine Mama von mir, dass ich all die Rollen einnahm, die sie in mir sah: eine Freundin, eine Ehepartnerin, eine Erwachsene, ein Schutzschild – und am schlimmsten für mich: eine Mama. Nur eins wollte sie nie: dass ich ein Kind bin. Wild, bunt, laut, fröhlich. Ich lieferte. Ich diente. Ich liebte sie. Und doch hätte ich mich lieben sollen.
Heute spiele ich all diese Rollen immer noch. Nur komme ICH in ihnen nicht an und weiß gar nicht, wie ich in ihnen aufgehen soll, denn lebe ich doch nur aus der Vorstellung daraus oder den Erwartungen meiner Mama an mich – und nicht so, wie ich es sein möchte.
Ich lebe aus der Vergangenheit heraus. Aber nicht aus der, wo ich ein Fundament habe, sondern nur aus einem Kartenhaus, das jeden Tag zusammenbricht. Wie aus einer Soap oder einem Theaterstück.
Am meisten fehlt mir, Kind in mir zu sein. Ich will wieder Kind sein. Ich will all diese Rollen wie Schnüre von mir lösen, durchbrechen, zerschneiden und fallen lassen. Fallen – in mich. In mein inneres Kind. Ich will neu beginnen: als Kind, als Erwachsene, als Frau, als Freundin, als Ehepartnerin, als Mama, als ICH.